Toolbox Städtebau, 1996-1998

Städtebau-Seminar gemeinsam mit Constantin Boytscheff und Thomas Geissler im Rahmen von Forschungsarbeiten zur virtuellen Universität. Alle Studentenarbeiten wurden im Internet präsentiert und zum Teil im CUBE (cave automated virtual environment) des HLRS (Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart) gemeinsam begangen.

 

Website Toolbox SS 1998Website Toolbox SS 1998
Website Toolbox SS 1998

Hintergrund: Vortrag "Impulswege: Die Vernetzung der Computer" von Prof. Dipl.-Ing RBM Constantin Boytscheff im November 1994

These
Impulswege werden unsere bisherigen Wege überlagern, sogar teilweise verdrängen, diese Wege werden auch unsere Architektur- und Städtebauarbeit verändern.

1. Computer und Gesellschaft
Der Computer erobert immer umfassender alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Wir finden ihn am Arbeitsplatz, in der Verwaltung und Industrie, in den privaten Haushalten, in den Schulen, den Universitäten, in unser Freizeit, in unseren Autos, Häusern, für unser Spiel, in der Musik, in der Kunst. Es gibt kaum noch Bereiche, in denen dem Computer keine Bedeutung zukommt.

2. Computer und Impulswege
Nach der Durchsetzung der individuellen PC-Arbeitsplätze mit ihrer getrennten Datenhaltung entstand der Wunsch, diese Daten über das einzelne Gerät hinaus verfügbar zu machen. Die Trennung der Computer weckte das Bedürfnis nach Kommunikation und Austausch - Impulswege werden gebaut. Diese Impulswege verbinden die Computer heute in einem nahezu universellen und globalen Netzwerk. Ein Beispiel für ein solches Netzwerk ist das Internet, das in erster Linie für den akademischen Informationsaustausch aufgebaut wurde und weltweit sehr viele Universitäten verbindet.
Der am weitesten verbreitete Impulsweg ist das Telefonnetz. Über ein Modem wird der Computer an das Telefonnetz angeschlossen und kann so digitale Daten ebenfalls zu jedem Punkt der Erde senden. Der Unterschied zwischen den besonderen Impulswegen (ATM, Internet) und dem Telefonnetz liegt in der Quantität der Datenübertragung. Schicken wir z.B. über das Telefon digitale Daten (ISDN), so können maximal 128 KBit/sec übertragen werden. (1 Bit ist die kleinste digitale Einheit (ja/nein) und ein Buchstabe besteht aus 8 Bit=1Byte). Die modernen Hochgeschwindigkeitsnetze (Datenautobahnen), die derzeit im Aufbau sind, werden bis zu 650 Megabit/sec Daten übertragen können.
Mit diesen Übertragungskapazitäten können vernetzte Computer gemeinsam Aufgaben übernehmen und werden so je nach Anzahl zu einem "Riesencomputer" (Cluster). Es spielt dabei keine wesentliche Rolle, wo Daten lokalisiert sind, wenn die Übermittlung sehr schnell geht. So können Menschen mit Hilfe der vernetzten Computer "interaktiv" zusammenarbeiten, sich unterhalten, an einem Text schreiben, sich über digitales Video sehen und CAD-Modelle gemeinsam bearbeiten. Die zeitgleiche, kooperative Arbeit über den Globus wird in naher Zukunft verwirklicht und ist in Forschungsprojekten an den Universitäten schon jetzt Realität.

3. Auswirkungen der Impulswege
Welche Auswirkungen kann die beschriebene Technologie auf den Architekten, die Art zu planen und die Ergebnisse dieser Planungsarbeit haben?

3.1 Impulswege für die Stadt
Unsere industrielle Entwicklung hat zu einer starken Mobilität der Städter geführt. Es entstanden voneinander getrennte Arbeits- und Wohngebiete mit entsprechender Verkehrsinfrastruktur. Die Cities unserer Städte verwandelten sich zu Arbeitsplatzgebieten für die Büronutzung unserer Banken, Versicherungen, Verwaltungen, den Verkaufsgeschäften und Dienstleistungsunternehmungen und sind somit zentrale Orte der modernen Arbeit und des Konsums geworden. Die Entwicklung der modernen Städte führte weiter zur Konzentration in immer grösser werdende Einheiten, die auch Imageträger für wirtschaftlichen Einfluss und gesellschaftliche Bedeutung wurden. Die Wege, die in unsere Städte hineinführen und uns jetzt vor grosse Umweltprobleme stellen, waren bis heute für diese Entwicklung ein unverzichtbarer Bestandteil.
Mit den digitalen Wegen ist aber für die Zukunft der Arbeit auch ein anderes Szenario denkbar: die Dezentralisierung der Arbeit und enge Verknüpfung mit dem Wohnen. Der vernetzte Arbeitsplatz in kleinen Arbeitsgruppen wird das reale Mobilitätsverhalten der Gesellschaft grundlegend verändern und durch die virtuelle Mobilität des kommunikationsbetonten Arbeitens ersetzen. Mit der Abnahme des Anteils der menschlichen Arbeit an der materiellen Produktion zugunsten des Anteils an der immateriellen Produktion wird sich dieser Prozess verstärken. Die Ortsungebundenheit der immateriellen Produktion wird die Bedeutung der Cities verändern und die heutigen Wege im Dienste der Arbeit werden an Bedeutung verlieren.
Auch das derzeit auf die Stadt bezogene Freizeit- und Konsumverhalten wird sich in diese Richtung verändern. Telebanking, Teleshoping, interaktives Fernsehen und Telepräsenz lassen vermuten, dass die "Realmobilität" auch in der Freizeit abnehmen wird und durch vernetzte, virtuelle Medien ersetzt wird.
Mit diesen Entwicklungen im Arbeits- und Freizeitbereich entstehen Begriffe wie "Intelligent Building" und "Intelligent City" in einem "Global Village". Architekten werden Konzepte für ein neues Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten entwerfen. Anstelle des Verkehrs zwischen Wohn- und Arbeitsgebieten könnte das dem Wohnen zugeordnete Arbeiten mit den neuen vernetzten digitalen Arbeitswerkzeugen entstehen. Der Datenstau zeichnet sich schon heute am Horizont ab, scheint aber im Gegensatz zum Stau auf der Strasse leichter überwindbar.
Die Wege werden sich verändern. Ob sich mit dieser Veränderung auch die Inhalte und Formen der Arbeit positiv zugunsten humaner und emanzipativer Verhältnisse verändern, ist ein Streitpunkt der Gesellschafts- und Kulturkritik. Sicher ist, dass Technologie gestaltbar ist, und dass die technologische Entwicklung für sich gesehen keinen Fortschritt bedeutet, sondern erfüllt werden muss mit einem dem Menschen dienenden Auftrag. Neben der Beherrschung der Technologie ist damit auch eine grössere Qualifikation im Umgang mit der gesellschaftlichen Dimension gefordert.

3.2 Impulswege für den Architekten und Planer
Die Veränderungen der Arbeit des Architekten und Planers vollziehen sich sehr viel langsamer verglichen mit Berufsgruppen in der Industrie. Im Rahmen der Ausweitung des europäischen Markt, der die Abnahme selbständiger Architekturarbeit zugunsten einer Architekturleistung innerhalb einer Bauträgerschaft fördern wird, steht eine unter Umständen dramatische Veränderung des Berufsbildes der Architekten an.
Darüber hinaus sind inhaltliche und organisatorische Veränderungen in der Baubranche zu sehen. Der Gedanke "Building a house like an automobil", ist in Japan mit dem Engagement der Automobilindustrie in der Fertigteilhausproduktion und den Einsatz von Baurobotern für die Hochhausproduktion schon heute Realität. Technologische Grundlage für diese Entwicklung sind CIM (Computer Integrated Manufactoring) Systeme, die eine integrierte und vernetzte Arbeit von Design- und technischen Optimierungsprozessen für die Produktion mit Computerwerkzeugen vorsehen.
Folgendes Szenario wäre denkbar: die Integration aller Fachbereiche des Bauens in den Entwurfs- und Produktionsprozess. Damit würden Architekten mit Statikern, Installations-, Heizung- und Läftungsingenieuren frühzeitig an einem Entwurf zusammenarbeiten und alle Fachingenieure würden ihn in der Zusammenarbeit mit den Architekten beeinflussen. Dies führt zur Neudefinition des Prinzips der Autorenschaft des Architekten. Das gleiche gilt analog in der Stadtplanung. Die Planer arbeiten mit den Umweltexperten, den Ökonomen und Soziologen an einer Entwurfsidee. Kommunikationsintrument sind vernetzte Computer mit entsprechenden Programmen. Sie erlauben einen ständigen Austausch von Informationen. Damit entsteht die Idee des virtuellen globalen Designstudios, mit dessen Hilfe räumlich getrennte Experten zusammenarbeiten können. Wenn Architekten und Planer in diesen Teams ihre Fähigkeit, ganzheitlich zu denken, weiter entwickeln und die Kommunikation unterstützen, werden sie auch zukünftig eine entscheidende Rolle in diesem Prozess einnehmen. Diese inhaltlichen Möglichkeiten werden durch die neuen Impulswege unterstützt oder gar erst möglich.
Wenn auch dieses Szenario für die breite Praxis noch Zukunftsmusik ist, gibt doch schon experimentelle Ansätze. Am Städtebaulichen Institut der Universität Stuttgart bereitet ein Seminar ein gemeinsames europäisches Entwurfsprojekt für Studenten aus der Schweiz, Holland und Deutschland vor. Alle Kommunikationsmöglichkeiten des Internet werden dabei ausgenutzt.
Als Verantwortlicher eines Computerlabors an diesem Institut sehe ich eine wichtige Aufgabe in der Schaffung von interdisziplinären Studiengruppen, die die Zukunft unserer Städte gemeinsam zu planen lernen. In der Forschung gibt es schon jetzt Beispiele fachübergreifender Projekte.
Die Komplexität der Bau- und Planungsaufgaben erfordert die Integration aller Wissensbereiche, die den Weg des Bauens und Planens begleiten, in den Entwurfsprozess. Diese Integration würde die Rolle des Architekten als Baumeister, der über das Ganze wacht, wiederbeleben. Damit wird das "Impulswegenetz" zum neuen technischen Vehikel, das erst inhaltlich gestaltet werden muss.


Anlässlich des Kongresses "Virtuelle Universität", der das Projekt "Toolbox Städtebau" im Foyer des Kollegiengebäudes K1, Universität Stuttgart, im Herbst 1998 vorstellt, entstand ein Erfahrungsbericht von Ansgar Halbfas:

Die Voraussetzung, mich als Student an meiner Universität ohne Berührungsängste auch in die Rolle des Lehrenden zu begeben, wurde vor allem durch die letzten Jahre mit modem (Anm.: damalige Arbeitsgruppe) geprägt. Wir haben die Reaktion auf Kritik und Vorschläge zur Verbesserung unserer Ausbildung nicht Lehreinrichtungen überlassen, sondern sind mit Engagement, Investitionen von Zeit und Geld, wie auch durch Kontakte aus der Fakultät heraus, eigene Wege gegangen.
Diese Initiative wurde sehr positiv, oft fördernd, aufgefasst und spiegelt sich im Engagement für die Profession, der wir uns zugehörig nennen, wider.
Ein Vortrag von zwei oder drei Stunden erzeugt ein Wissen um Dringlichkeit. Dringlichkeit, diese 90 Stunden, also mehr als drei Tage ununterbrochenen Sendens, würde man die Zeit jedes einzelnen Zuhörers addieren, aufrichtig zu gestalten. Das dafür erforderliche Wissen stützt sich auf eine Mischung aus Forschung, tiefer Kenntnis, Erfahrungen im Projekt-Management, Gesellschafts- und Fachwissen.
Ich spüre, dass es Ziel jedes Referenten sein sollte, schneller, besser und mit einer breiteren Bandbreite an Wissen und Erfahrung zu lehren. Dabei sollte man mit jedem Projekt die bisherigen Anstrengungen übertreffen wollen. Das geht nicht ohne Direktheit in der Kommunikation, ohne angstfreie Disposition der eigenen Person, damit ein Dialog entsteht, den das gemeinsame Wissen um die Dringlichkeit unserer Arbeit erfordert.
Dazu war es für mich notwendig, bestehende Partnerschaften und Kontakte, verschiedene Begabungen und Berufe mit ihren vielfältigen Talenten und Erfahrungen zusammenbringen, und diesen umfangreichen Hintergrund von Arbeits- und Denkweisen weiterzugeben.
Die Möglichkeiten, als Student eine Veranstaltung wie die Toolbox zu bestreiten, sind dann erschöpft, wenn eigene Erfahrung und Wissensvorsprung abnehmen. Sie können zwar durch didaktische und motivierende Elemente bereichert werden, doch ist eine verantwortliche Lehre nur mit fundiertem Blick aus der Fakultät heraus zu leisten.
In meinem Verständnis sind "Fünf Jahre plus" die verlässlichste Grundlage, keine falschen Richtungsempfehlungen zu geben. Als Student, als Teil meiner Generation, ist mir das Gefühl für "fünf Jahre plus", die Zeit, in der wir verpflichtet werden, Verantwortung für unsere Gesellschaft zu tragen, sehr lebendig vor Augen, wird zum integralen Bestandteil jeder beruflichen, privaten und gesellschaftlichen Perspektive.
Als Lehrperson nehme ich die Rolle eines "Externen" ein. Somit nicht den Abhängigkeiten des bestehenden Lehrbetriebs unterworfen, kann ich ein eigenes Konzept vertreten und versuche, die Rolle der anderen Studenten zu achten und sie als hohes Potential zu aktivieren.
Bei der Arbeit für das Seminar Toolbox bin ich mit Thomas Geissler und Constantin Boytscheff auf Lehrer an dieser Universität getroffen, die Chancen einer Zusammenarbeit begreifen, ohne diese durch Zweifel und Einschränkungen zu bremsen.
Vermutlich sind Seminare dieser Art ein letzter Versuch, in bestehende Strukturen einzugreifen, bevor sich diese Strukturen zugunsten neuer Regelwerke und Gesellschaftsprozesse auflösen. Das Engagement, das die Studenten in den vergangenen Semestern zeigten, muss in Zukunft der jeweils nötigsten Veränderung, auch innerhalb dieser Lehrveranstaltung, zugewandt sein.
Bei dieser Anstrengung ist eine abwartende, hinnehmende Haltung, die ich als beobachtender Lehrender ebenso feststellen konnte, hinderlich und dem Ideal der Universität abträglich.

 

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Website Toolbox SS 1999 - Termine
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