Reise Sardinien, 2004
"Die sardischen Hotelköche haben leider schon verlernt, daß nur die rosafarbene Tomate zum Rohessen gut ist: Sie tischen munter ihren Gästen die blutroten, überreifen auf!"
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"Die Neuankömmlinge, einige wenige hundert, die sich nach und nach einfanden, kleine Leute, mit engem Becken und Langschädel - man kennt ihren Typus von den Grabfunden in Anghelu Ruiu bei Alghero - drangen aus klimatischen und Sicherheitsgründen gar bald in die vulkanische Hügelzone des Logudoro und der Arborea vor. Hier vergaßen sie ihr vorübergehendes "Meergefühl" und richteten sich wieder als Festländer, die sie waren, auf Dauer ein. Sicher ist, daß die zahlreichen Naturhöhlen ihnen nicht genügten. Sie entwickelten, vielleicht in Nachahmung merkwürdiger sardischer Felsverwitterungen und angeregt vom Überfluß an Steingetrümmer, die Idee eines eigentümlichen Bauwerks: Rundkegel, die Mauern aus unbehauenen, ohne Mörtel aufeinander gepaßten Steinen, die im Innern eine Zelle mit Schlaf- und Vorratsnischen bilden, Nuragen, d. h. "Steinhaufen", wie sie spätere Ankömmlinge höhnen werden. Erst hier, im abseitigen Neuland der weiträumigen Insel, kam jenen von Asien her verschlagenen Siedlern der Einfall solchen Baues, und hier - sonst nirgends, weder auf Korsika noch auf den Balearen - vervollständigten sie ihn." [aus: Ingeborg Guadagna, Schroeder Reiseführer Sardinien, Bonn 1967]
"Bei solcher Gelegenheit kann man noch Bekanntschaft machen mit der vielgerühmten altsardischen Gastfreundschaft, bei der sich "barbarische", antike und hiberische Elemente mischen. Und gerade wer einmal sardische Gastfreundschaft von Freunden, Verwandten oder auch völlig Unbekannten erfahren hat, wundert sich manchmal über die Rauhbeinigkeit sardischer Wirte, auch in Hotels, über die scheinbare Unaufmerksamkeit sardischer Kellner, über die nicht allzu große Liebenswürdigkeit sardischer Kellner, ja manchmal geradezu Brummigkeit sardischer "Zimmerfrauen" (meist sind sie nämlich ältlich!). Auch das erklärt sich: Sardinien steckt mitten in einer Übergangsperiode. Die einst gültigen Lebensformen scheinen überaltert, nicht mehr zuständig, in die neuen ist man noch nicht ganz hineingewachsen. Für mittelmeerische Inselleute ist es psychologisch schwierig, vom wechselseitigen Dienst am "geheiligten Gast" zum bezahlten Dienen der "Fremdenindustrie" hinzufinden.
Sobald man, z.B. in einer Privatwohnung oder bei einer Dienstleistung eines Einheimischen solche Befangenheit spürt, gebe man das Entgelt diskret, zähle man das Geld nicht vor. Der Sarde wird sich von solchem Betragen geehrt, vor allem geschont fühlen. Und umgekehrt wundere oder entrüste man sich nicht, wenn man dann plötzlich überfordert wird. Die Überforderung hat auf Sardinien - bei Privatpersonen, in kleinen Läden und Gaststätten - ihren Grund nicht in Handelsschlauheit, sonder in einem nocht nicht recht eingespielten Verhältnis zum tatsächlichen Zahlenwert der Gegenleistungen: Vom selbstverständlichen Geben bzw. Teilen mit dem Gast über das jahrzehntelang "Zu-wenig-Fordern", welches das frühere Ferienparadies Sardinien kennzeichnete und was man in Mitteleuropa nüchtern mit "billiger Sommerfrische" bezeichnete, zum ein wenig brüsken Fordern, dem man da und dort begegnet und an dem die Märchenzahlen, mit denen Aga Khan den Gallura-Hirten ihre von Steingeröll übersäten Weiden honorierte, mit Schuld sind, ist nur ein kurzer Schritt.
In diesem Hier und Jetzt, wo Jahrhunderte ohne Maß vorüberzogen und wo zehn Jahre reich an Veränderungen und an neuen, wahren Menschen doch nur ein Augenblick sind, hier wo alle Erneuerungspläne, die Bauunternehmen, der Fremdenverkehr nur wie Rufe in einer unterirdischen Höhle widerhallen, die nur flüchtig an den tausendjährigen Schlaf der in der schwarzen Felsengruft hängenden Fledermaus rühren, hier wurden die Karten vertauscht, und die doppelten Bilder verschiedener, auf den gleichen Wegen verlaufener Reisen gerieten durcheinander. Hier, auf der Insel der Sarden, ist jede Ankunft eine Wiederkehr. In der Gegenwart des Archaischen ist jedes Erkennen ein Wiedererkennen.
Im geschlossenen Lebenskreis der Insel gibt es tausend verschiedene Aspekte, verschiedene Lebensumstände, verschiedene Anschauungen und Gewohnheiten, Kämpfe, Tätigkeiten und Gefühle, die oft gegensätzlich und widerspruchsvoll und immer schwer zu verstehen sind. Es ist ein eifersüchtiges und dunkles Land, das Gemeinplätze und übernommene Ideen abweist. Den, der es mit liebevoller Anteilnahme betrachtet, packt der Zweifel angesichts vieler heikler Probleme. Es ist ein Land, das nach undenklicher Zeit des Stillstands in eine Entwicklungskrise geriet. Vielleicht können nur die neuen Widersprüche als dünner, verwickelter Ariadnefaden zur Erkenntnis dienen. Eine Hirtenkultur verwandelt sich hier unter inneren Kämpfen und dramatischen, vielfältigen Möglichkeiten in eine bäuerliche Kultur, während in der Welt draußen die bäuerliche Gesellschaft sich bereits auflöst. Zugleich entstehen wie einsame Eichen Schwerpunkte der Arbeiterklasse, deren Gewicht und Einfluß sich in der Lebensführung bereits geltend macht." [aus: Carlo Levi, Aller Honig geht zu Ende, Zürich/Köln 1965]
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